Fulda/Düsseldorf. Vor 50 Jahren, am 10. Oktober 1976, ist Reinold von Thadden-Trieglaff in Fulda gestorben. Als Gründer und erster Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages prägte er eine Bewegung, die bis heute Menschen aus Kirche und Gesellschaft zusammenbringt.
In der Magdeburger Straße 59, dem Sitz des Kirchentages in Fulda, erinnert eine Gedenktafel an den Mann, der 1949 den Kirchentag gründete. Im Beisein seiner Enkelin Elisabeth von Thadden wurde die Tafel in einer Sitzung des Kirchentags-Präsidiums Anfang des Jahres feierlich enthüllt.
Die Idee einer Laienbewegung
Reinold von Thadden-Trieglaff wurde 1891 in Mohrungen in Ostpreußen geboren und stammte aus einer pommerschen Adelsfamilie. Sein Vater war Gutsbesitzer und Landrat im pommerschen Kreis Greifenberg. Sohn Reinold studierte Jura und promovierte 1920 in Greifswald über die Bedeutung des Völkerrechts. Ab 1920 verwaltete er Teile der Familiengüter und engagierte sich zugleich zunehmend in der evangelischen Kirche und der christlichen Studentenbewegung.
Laien stärker an kirchlichen Entscheidungen beteiligen
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg setzte sich von Thadden-Trieglaff dafür ein, dass Laien stärker am Leben und an den Entscheidungen der Kirche beteiligt werden. 1932 organisierte er den Pommerschen Kirchentag in Stettin mit rund 20.000 Teilnehmenden. Seit 1934 gehörte er zur Führung der Bekennenden Kirche. Während der NS-Zeit stand er im Konflikt mit dem Regime und wurde 1937 für mehrere Wochen inhaftiert. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und geriet nach Kriegsende am Eismeer in sowjetische Gefangenschaft, aus der er im Dezember 1945 freikam. Die Erfahrungen von Krieg, Gefangenschaft und dem Versagen kirchlicher Strukturen ließen ihn über eine Kirche nachdenken, in der Menschen selbst Verantwortung übernehmen und ihren Glauben in die Gesellschaft einbringen.
1949 erster Kirchentag in Hannover
Nach dem Krieg engagierte sich von Thadden-Trieglaff für die Ökumene und knüpfte internationale Kontakte. Er wollte, dass sich die Kirche nach der Katastrophe des Nationalsozialismus verändert und erneuert. Daraus entwickelte sich die Idee eines eigenständigen Kirchentages als Gegenüber zur verfassten Kirche: ein Ort, an dem Menschen über ihren Glauben, die Kirche und die Fragen ihrer Zeit miteinander ins Gespräch kommen und sich in gesellschaftliche Debatten einbringen können. 1949 wurde diese Idee in Hannover Wirklichkeit und die Deutsche Evangelische Woche wurde zum Ausgangspunkt des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Mit seiner Gründung schuf von Thadden-Trieglaff eine neue Form des evangelischen Miteinanders und wurde dessen erster hauptamtlicher Präsident.
Eine starke Stimme
Von 1949 bis 1964 stand von Thadden-Trieglaff an der Spitze des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Zu seinen besonderen Verdiensten gehört es, dass er dem Kirchentag eine Organisationsform gab, in der Laien im Protestantismus eine starke Stimme erhielten. Damit wurde der Kirchentag von Anfang an auch zu einem Ort demokratischer Verständigung. „Reinold von Thadden-Trieglaff hat den Kirchentag als einen Ort gedacht, an dem unterschiedliche Menschen und Positionen ihren Platz haben und Mündigkeit gefördert wird. Das finde ich bis heute bemerkenswert: Man muss nicht einer Meinung sein, um miteinander ins Gespräch zu kommen und voneinander zu lernen. Gerade in einer Zeit, in der Debatten oft schnell auseinanderdriften, ist das eine Stärke, die wir bewahren sollten“, sagt Kirchentagspräsident Torsten Zugehör.
Gründungsimpuls wird beim Kirchentag in Düsseldorf aufgegriffen
Mit der neuen Thadden-Lecture wird dieser Gründungsimpuls beim 40. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf aufgegriffen. Die ideelle Auszeichnung würdigt Menschen, die sich heute in besonderer Weise für gesellschaftliche Verantwortung und öffentliches Engagement einsetzen und damit für den Geist, den Auftrag und das öffentliche Wirken von Reinold von Thadden-Trieglaff stehen. Die Lecture ist als eines der Hauptpodien geplant, sie ist zugleich Auszeichnung und herausgehobene Veranstaltung des Kirchentages. Vom 5. bis 9. Mai 2027 werden in Düsseldorf rund 100.000 Menschen zum 40. Deutschen Evangelischen Kirchentag erwartet. Was Reinold von Thadden 1949 auf den Weg brachte, lebt weiter: Menschen kommen zusammen, hören einander zu, diskutieren kontrovers und nehmen neue Perspektiven mit.